Raumstationen (1): Die Saljut 7

Raumstationen (1): Die Saljut 7

Die Saljut 7 diente bei der Erbauung nur als ein Ersatzmodell für die Saljut 6. Nachdem es jedoch bei der Nachfolgestation MIR zu Verzögerungen kam, wurde die Raumstation Saljut 7 in Betrieb genommen. Sie gilt als Teil der Übergangszeit zwischen monolithischen und modularen Raumstationen.

Die Saljut 7 löst die Saljut 6 ab: Bauweise und technische Daten

Im April 1971 schickte die Sowjetunion die erste Raumstation der Welt in den Orbit. Die Raumstation erreichte eine Höhe von 200 bis 222 Kilometer in der Erdumlaufbahn. Sie hieß Saljut und ebnete den Weg für Langzeitaufenthalte im Weltall. Die Sowjetunion spezialisierte sich in den folgenden Jahren auf Raumstationen im eigenen Raumfahrtprogramm. Das letzte Modell der Saljut war die Saljut 7.

Sie galt zunächst als Ersatzmodell für die Saljut 6. Die Raumstationen sind daher weitgehend baugleich. Die Saljut 7 wies eine Länge von 15,8 Meter auf mit einem maximalen Durchmesser von 4,15 Metern. Das bewohnbare Volumen der Raumstation erstreckte sich auf insgesamt 90 Quadratmeter.

Das Gewicht der Saljut 7 betrug rund 20 Tonnen. Ein geringer Unterschied bei Betrachtung des Gewichtes der ursprünglichen Saljut, die 19 Tonnen umfasste und über 100 Kubikmeter Wohnraum verfügte.

Die Saljut 7 besaß zwei Kopplungsstützen, eine am Heck und eine am Buck.  Durch die Kopplungsadapter war die Ankopplung von einem Progress-Versorger möglich. Zeitgleich konnte ein bemanntes Sojus-Raumschiff auf der anderen Seite andocken.

Eine Leistungssteigerung wurde durch Solarpaneele ermöglicht. Drei Solarpaneelen verfügten über 17 Meter Spannweite, was sich über eine Fläche von 51 Quadratmeter Solarzellen erstreckte. Elektroherde, ein Kühlschrank und warmes Wasser konnten so genutzt werden. Die Raumstation konnte eine Leistung von 4-5 kW erzeugen und verfügte über zwei Haupttriebwerke.

Ein Unterschied der Ausstattung der Saljut 7 zur Saljut 6 ermöglichte einen längeren Aufenthalt auf der Station. Das BST-1-Teleskop wurde in der Saljut 7 gegen einen Röntgendetektor ersetzt. Dies verhalf zu einer Verbesserung der körperlichen Fitness-Möglichkeiten an Bord, wodurch sich die Besatzung länger im Weltall aufhalten konnte. Um auch Gesundheitsrisiken an Bord zu minimieren, waren Bullaugen an Bord eingebaut, die ultraviolettes Licht hineinließen. So konnten frühzeitig Infektionskeime abgetötet werden.

Der Start ins Weltall

Die letzte Raumstation des Saljut Programms ist am 19.04.1982 in das Weltall gestartet. Die Proton-Trägerrakete von Baikonur hat als Starthilfe fungiert. Durch die Verwendung von Proton-Trägerraketen wurden alle Raumstationen der Saljut im Rahmen des sowjetischen Raumfahrtprogramms gestartet. Proton-Trägerraketen können bis zu 21 Tonnen schwere Nutzlasten ins Weltall befördern.

Die Saljut 7 ist von zehn Besatzungsteams besucht worden. Fünf davon waren Stammbesetzungen, die einen Langzeitaufenthalt auf der Saljut 7 hatten. Weitere fünf Besatzungen besuchten diese im Rahmen von Kurzaufenthalten.


Spannend: Swetlana Sawizkaja ist die zweite Frau, die das Weltall besucht hat und durfte auf der Saljut 7 als erste Frau weltweit einen Außenbordeinsatz absolvieren.

Bereits der erste Langzeiteinsatz der Saljut 7 war ein Erfolg. Am 13. Mai 1982 erreichten die Raumfahrer mit der Sojus T-5 die Saljut 7. Anatoli Beresowoi und Walentin Lebedew verweilten bis zum 20. Dezember 1982 auf der Raumfahrtstation. Die beiden Raumfahrer setzten am 17. Mai den ersten Kommunikationssatellit Iskra 2 durch Menschenhand im Weltall aus. Ein weiterer Erfolg der Mission war der erste Ausstieg aus der Raumstation von der Bodenstation aus.

Im weiteren Verlauf fanden weitere Langzeitaufenthalte verschiedener Besatzungsteams statt. Unter anderem das Team von Leonid Kisim, Wladimir Solowjew und Oleg Atkow. Am 08.02.1984 erreichten sie mit der Sojus T-10 die Saljut 7. Mit einer Aufenthaltsdauer von 237 Tagen war dies zu dem Zeitpunkt der längste Aufenthalt der Menschheit auf einer Raumstation.

Der letzte Langzeitaufenthalt auf der Saljut 7

Der letzte Langzeitaufenthalt im Rahmen des Raumfahrtprogramms der Sowjetunion mit der Saljut 7 ist datiert auf den 06. Mai 1986.

Leonid Kisim und Wladimir Solowjew erreichten die Saljut 7 mit einer Sojus T-15. Gestartet sind sie von der Raumfahrtstation Mir aus. Die Raumfahrtstation Mir zählt zu den größten Erfolgen der Sowjetunion. Zu ihrer Zeit war sie das größte künstliche Objekt im Erdorbit. Sie sollte der Nachfolger der Saljut 7 werden. Der größte und zugleich der wichtigste Unterschied zwischen der Saljut 7 und der Mir waren die Kopplungsadapter. Während die Saljut nur zwei besaß, konnte die Mir sechs Kopplungsadapter aufweisen.

Nach 50 Tagen kehrten die Crew der Sojus T-15 zur Raumstation Mir zurück. Es waren die ersten Flüge, die zwischen zwei Raumstationen stattfanden.

Technisches Versagen

Das Raumfahrtprogramm Saljut hatte bereits von Anfang an immer wieder mit technischen Totalausfällen und Problemen zu kämpfen. Die Saljut 1 war für insgesamt 175 Tage im Orbit und verglühte anschließend. Auch die Saljut-Missionen mit der Saljut 2 und Saljut 3 waren von technischen Problemen nicht ausgenommen. Eine der beiden explodierte bereits beim Start, die andere hatte einen Totalausfall. Dieser war zurückzuführen auf einen Druckverlust.

Die Saljut 7 selbst hatte vor allem mit technischen Problemen im Bereich der Elektrizität zu kämpfen. Am 11. Februar 1985 erreichte die Bodenbesetzung eine Meldung über ein technisches Problem der Saljut 7. Zu dieser Zeit war die Raumstation unbemannt. Ein Fehler im elektrischen Stromkreis innerhalb des primären Funksenders trat auf. Schnell konnte jedoch wieder Kontakt aufgenommen werden durch das Erreichen des sekundären Funksenders. Ein Ersatzteil war bereits an Bord, da die Lebensdauer bereits überschritten war und mit Ausfällen gerechnet wurde.

Dokumentationen aus dieser Zeit zeigen, dass die Situation als ungefährlich eingestuft wurde. Spezialisten sollten hinzugezogen werden und das Problem beheben. Zu dem Einsatz der Spezialisten kam es jedoch nie.

In der darauffolgenden Schicht des Bodenpersonals wurden Versuche unternommen, den technischen Defekt des primären Funksenders zu reparieren. Dies gelang jedoch nicht. Stattdessen führte durch einen Schneeballeffekt, der ausgelöst wurde vom Bodenpersonal bei Setzung des Steuerbefehls der Reaktivierung, eins zum anderen. Folge war der Totalausfall der Stromversorgung von Modul S-190. Sender, Empfänger und Decoder hatten keinen Anschluss mehr an das Stromnetz, wodurch zu diesem Zeitpunkt keine Steuerbefehle mehr empfangen werden konnte.

Durch den Ausfall der Funkverbindung wurde ein weiterer technischer Defekt von der Bodenbesetzung nicht erkannt. Dieser Defekt hatte jedoch gravierende Auswirkungen und führte letztlich zum Totalversagen der Elektrik auf der Raumstation Saljut 7.

Am 11.Februar 1985, um Punkt 13:20 Uhr, verstummte das Signal der Saljut 7.

Wie kam es dazu? Die Solarpaneele konnten sich aufgrund eines technischen Defekts nicht mehr aufladen. Die automatisierte Aufladung wurde schlicht unterbunden. Dies war zurückzuführen auf einen Defekt des Überladungs-Schutzsenders. Der Fehler führte zu einem Ausfall von einer der sieben Batterieversorgungen der Solarpaneele.

Der Defekt blieb unerkannt bis schließlich der Energievorrat aufgezehrt war. Die Folge war ein vollständiger Ausfall der Elektrik an Bord und somit auch ein Ausfall der Heizung. Als Folge kam es in kürzester Zeit zu Minusgraden in der Raumstation

Beginn der Rettungsmission  

Zu diesem Zeitpunkt gab es zwei Möglichkeiten. Die erste war die Abstoßung der Saljut 7 sowie den Ersatz dieser durch die Raumstation Mir. Diese wäre jedoch erst ein Jahr später einsatzbereit gewesen. Die andere Möglichkeit bestand in der Aussendung einer Reparaturcrew zur Saljut 7. Dies war jedoch mit einer Vielzahl an Risiken verbunden. Der Erfolg der Rettungsmission wurde auf 70 % bis 80 % geschätzt. Durch den Verlust des Funksignals konnte nicht festgestellt werden, was in der Zwischenzeit auf der Saljut 7 geschah.

Das Risiko wurde eingegangen und eine Reparaturcrew startete die Rettungsmission. Zunächst musste jedoch geklärt werden wie die Reparateure sicher zur Saljut 7 gelangen könnten. Eine neue Art der Andocktechnik musste gefunden werden. Sie ist heute bekannt unter dem Namen ,,Andocken an ein unkooperatives Objekt’’. Die Raumstation sollte durch das Raumschiff erreicht werden. Fünf Kilometer vor der Saljut 7 sollte ein manuelles Andocken möglich werden. Die nötigen Informationen hierzu erlangten sie durch das Messen der Umlaufbahn der Saljut 7 mithilfe eines Bodenradars.

Um dies zu gewährleisten musste die Sojus, mit der die Reparaturcrew geflogen ist, umgebaut und an die Bedingungen des unkooperativenen Objektes angepasst werden. Nachtsichtbrillen, Nahrung und Wasser wurden in größeren Mengen mit an Bord genommen. Hierfür musste der dritte Sitz der Sojus entfernt werden. Ansonsten hätte es Probleme mit dem Gewicht gegeben. Da das Andocken nun manuell geschehen musste, wurde das automatisierte Andockungssystem vollständig entfernt. Im Cockpit wurden Laserentfernungsmesser eingebaut, um die Entfernung zur Station besser bemessen zu können.

Am 06. Juni 1985 begann die Rettungsmission. Vladimir Dschanibekow und Viktor Sawinych starteten mit der Sojus, um die Saljut 7 zu retten.

Die Rettung der Saljut 7

Nach zwei Flugdaten konnten Vladimir Dschanibekow und Viktor Sawinych auf Überwachungsbildern der Saljut 7 erkennen, dass ein Fehler an den Solarpaneelen bestand. Kurz darauf konnten die beiden manuell an der Station erfolgreich andocken, jedoch wurde dieser Erfolg vom Bodenpersonal nicht per Funk bestätigt.

Vermutet wurde ein Druckabfall innerhalb der Saljut 7, der während des viermonatigen Totalausfalls der Elektrizität entstanden war. Die Besatzungsmitglieder versuchten daher zunächst den Druck zwischen dem Schiff und der Station einander anzunähern.

Der Druck konnte zunächst durch das Öffnen eines Bullauges der schiffseitigen Luke ausgeglichen werden. Anschließend konnten die Kosmonauten eine Schleuse überqueren und in den Arbeitsraum der Station gelangen. Im Arbeitsraum der Saljut 7 stellten sie im Laufe der nächsten drei Tage fest, dass die gesamte Elektrizität seit Monaten ausgefallen war.

Es war so kalt in der Station, dass Spucke innerhalb von wenigen Sekunden gefror.

Insgesamt hatte die Crew nur bis zum 21. Juni Zeit die Saljut 7 zu reparieren. Zurückzuführen war dies auf einen Mangel an Wasserreserven. Die Reparatur in kürzester Zeit war jedoch nur mit einem Notfallsystem möglich. 

Der Strom musste wiederhergestellt werden. Dabei wurde die Crew vom Bodenpersonal unterstützt. Die Crew überprüfte zunächst, wie viele der Batterien der Solarpaneele wieder herstellbar waren. Insgesamt konnten sechs der sieben Batterien wieder funktionstüchtig gemacht werden. Dies gelang durch das Anfertigen von 16 Kabeln an Bord, die direkt an die Solarpaneele angeschlossen wurden. Mithilfe der Lagerregelungsdrüsen konnte die Station ausgerichtet werden, wodurch die Solarzellen Richtung Sonne zeigten. Ein Tag später waren fünf Batterien geladen und das Licht ging wieder an.  

Zehn Tage später, am 16. Juni 1985, war das System wieder voll funktionsfähig. Kommunikations- und Lüftungssysteme sowie weitere Systeme konnten neu initialisiert werden in der Zwischenzeit. Die Rettungsmission war geglückt.

In den folgenden Jahren wurde die Saljut 7 noch als Raumstation genutzt, auch noch als die Raumstation Mir genutzt wurde. 1991 markierte das Ende der Saljut 7. Die Raumstation hat immer mehr an Geschwindigkeit verloren und verglühte schließlich im Jahr 1991 im Weltall.

Heute ist die Saljut 7 vor allem durch die riskante Rettungsmission von Vladimir Dschanibekow und Viktor Sawinych bekannt. Geschichtlich ebnete die Saljut 7 aber viele Wege: Als Teil des Raumfahrtprogramms der Sowjetunion verhalf sie zu neuen Erforschungen und Erkenntnissen über den Orbit.

Hier geht es zu Teil 2 der Reihe: Raumstationen (2): Die MIR

Hier geht es zu Teil 3 der Reihe: Raumstationen (3): Die ISS

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Juni 7, 2020 / 2 Comments / von / in

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