Raumstationen (2): Die MIR

Raumstationen (2): Die MIR

Neben dem Sputnik Satelliten gilt die Raumstation MIR als einer der größten Erfolge der sowjetischen und russischen Raumfahrt. 15 Jahre war sie das größte künstliche Objekt im Erdorbit.

Unter russischer Führung wurde die Raumstation international für wissenschaftliche Zwecke genutzt und gilt so als Meilenstein der bemannten Raumfahrt. 2001 endete die Ära der MIR mit einem kontrollierten, spektakulären Absturz. Mit einem feurigen Finale verabschiedete sie sich aus dem Weltall und versank für immer auf dem Meeresgrund.

Der Beginn einer Ära

Am 20. Februar 1986 startete das Basismodul der MIR seine Reise in den Erdorbit. Die MIR ist die dritte Generation der russischen Raumstationen. Sie bewirkte ein Umdenken in der Bauweise von Himmelskörpern. Die Raumstation gilt als der Nachfolger der Saljut 7 aus dem sowjetischen Weltraumprogramm. Die Saljut 7 wurde vollständig auf der Erde erbaut und anschließend in den Orbit katapultiert. Bei der MIR war das anders. Die Raumstation bestand aus mehreren Modulen, die jeweils als Einzelteile in den Weltraum gebracht wurden. Erst dort wurden die einzelnen Module aneinander montiert.

Die einzelnen Module wurden jeweils vom Raketenstartplatz Kosmodrom Baikonur mit Proton-Raketen in die Erdumlaufbahn gebracht. Der Raketenstartplatz gilt als weltweit erster Weltraumbahnhof.

Proton Raketen werden bis heute zum Start von schweren Nutzlasten, wie Raumstationen, verwendet. Proton arbeitet mit hochgiftigem Treibstoff, weshalb die Produktion von Proton bis 2021 beendet werden soll.

Insgesamt dauerte die Fertigstellung der MIR über zehn Jahre. In dieser Zeit wurden die sieben Module der MIR auf der Erde erbaut und anschließend im Erdorbit montiert. Die letzten Module Spektr, Priroda und das Docking Modul wurden nacheinander in den Jahren 995 und 1996 in der Erdumlaufbahn aufgebaut. Bis auf kleine Einzelteile war 1996 somit der Bau abgeschlossen.

Die Raumstation MIR war geboren und so auch eine Revolution in der Weltraumfahrt.  

Die Module der Raumstation MIR

Nach dem Hauptmodul wurden noch sechs weitere Module innerhalb der nächsten zehn Jahre erbaut und komplettierten damit die Raumstation MIR.

Hauptmodul DOS-7

Das Basismodul der MIR besaß sechs Kopplungsstützen. An die Kopplungsstützen konnten vier der Module angedockt werden. Die anderen beiden Kopplungsstützen dienten für das Andocken von Sojus-Raumschiffen und Progress-Raumschiffen. Mithilfe von Kopplungsadaptern war es zudem möglich, das Hauptmodul DOS-7 für Außeneinsätze zu verlassen.

Das Basismodul war gleichzeitig der Wohnbereich der Kosmonauten. Die Startmasse betrug 20,4 Tonnen bei einer Länge von 13,30 Metern und einem Durchmesser von 4,20 Metern. Das zentrale Verbindungsmodul enthielt auch die zentrale Kontrollstation. Die Steuerung von  Energie-, Wartungs-, Kommunikations- und Experimentalsystemen erfolgte über die Kontrollstation.

Der Aufbau des Basismoduls im Überblick: Insgesamt verfügte die DOS-7 über folgende Ausstattung:

  • Andockschotten
  • Transferbereich
  • Aufbau für Robotergreifarme
  • Kontrollsystem
  • Zentrale Kontrollstation
  • Körpermassenwaage
  • Fahrradergometer
  • Klapptisch
  • Luftschleuse
  • Laufband
  • Kreiselkompass
  • Transferkammer
  • Montageabteilung
  • Hygienebereich
  • Mannschaftseinzelkabine
  • Instrumente & Ausrüstung der Wartungssysteme
  • Solarmodul
  • Serverantrieb des Solarmoduls

Wissenschaftsmodul Kwant

Das Wissenschaftsmodul Kwant war die erste Erweiterung, die an das Hauptmodul DOS-7 am 09. April 1987 andockte. Es nahm direkt seinen Platz am Heck des Basismoduls an.

Das Modul besaß eine Masse von elf Tonnen und war 5,30 Meter lang. Der Durchmesser von Kwant entsprach 4,35 Meter. Das Modul besaß wiederum selbst eine Andockstation für Sojus- und Progress-Raumschiffe. Um Treibstoff an das Basismodul weiterzuleiten waren Pumpen und Leitungen eingebaut. 

Die Besatzung nahm das Modul einen Tag nach dem Andocken von Kwant an das Hauptmodul in Betrieb. Juri Romanenko und Alexander Lawejkin waren zu dieser Zeit als Kosmonauten auf der MIR stationiert. Kwant wurde für astrophysikalische Untersuchungen verwendet.

In der Zeit der Nutzung von Kwant wurden immer wieder neue Teile an das Modul angebracht. 1992 wurde das Solarsegel von Kristall an Kwant montiert. 1995 wurde dieses durch eine Solaranlage ersetzt.

Wissenschaftsmodul Kwant 2

Am 26. November 1989 startete das dritte Modul der MIR vom Erdboden aus seine Reise. Zehn Tage später hat es am Basisblock angedockt. Das Modul war 12,20 Meter lang und die Startmasse betrug 19,6 Tonnen.

Es beinhaltete weitere hygienische Einrichtungen für die Kosmonauten, Einrichtungen zur Lebenserhaltung sowie eine Ausstiegsschleuse. Verwendung fand Kwant 2 vor allem für die Beobachtung der Erde. Auch biotechnologische Experimente wurden im Modul Kwant 2 durchgeführt.

Wissenschaftsmodul Kristall

Kwant 3 bzw. Kristall dockte am 10. Mai.1989 gegenüber von Kwant 2 an.  Das Modul hatte eine Startmasse von rund 20 Tonnen. Der Raum von Kristall entsprach ca. 60 Kubikmetern.  Das Modul wurde vor allem für biologische und materialwissenschaftliche Experimente genutzt.

Kristall hatte die folgende Ausstattung:

  • aktive Docking Einheit
  • Kontrollstation
  • Laufbahn
  • Motorinstallation
  • Batteriebetriebenes Energie-Versorgungssystem
  • Rodnik-System-Plattenbeschläge
  • Glazar 2 Teleskop
  • Kseniya Equipment
  • Marina Equipment
  • wiederverwendbare Solaranlage
  • Kühler
  • Rodnik Wassertank
  • SVET Greenhouse
  • Sauerstoff Tanks
  • Bewegungssteuerungssystem

 Kristall verfügte über zwei Solarsegel; eines davon wurde 1992 an Kwant montiert.

Wissenschaftsmodul Spektr

Das letzte Forschungsmodul der MIR startete am 20. Mai 1995 von Baikonur aus. Zwölf Tage später dockte es an. Wie die anderen Module entsprach das Startgewicht von Spektr etwa 20 Tonnen. Spektr dockte zunächst am Kopplungsknoten der MIR an und wurde kurz darauf mithilfe des Roboterarms an den finalen Platz versetzt.

Spektr verfügte unter anderem über einen Arbeitsbereich, das Taurus System, ein Kontrollsystem, Schleusenkammern und ein batteriebetriebenes Energie-Versorgungssystem. Mit einer Länge von 14 Metern war Spektr das längste der sechs Module. Verwendung fand es bei der Erforschung der Erdatmosphäre und der Erforschung von geophysikalischen Prozessen sowie kosmischer Strahlung.

Shuttle Docking Modul

Das sechs Tonnen schwere und 4,7 Meter lange Modul wurde von der russischen und US-amerikanischen Raumfahrtbehörde entwickelt. Ziel war es Space-Shuttles an die Raumstation MIR anzukoppeln. Das Andockmodul wurde entwickelt, um unter anderem den Abstand zwischen Raumstation und Shuttle zu vergrößern. So sollten Komplikationen und Schäden beim Prozess des Andockens verhindert werden.
 Am 16. November 1995 dockte das Modul erfolgreich an Kristall an.

An der Außenwand des Shuttle Docking Moduls waren zwei Transportcontainer angebracht. Einer davon beinhaltete Solarpaneele. Einer der beiden Solarsegel wurde schließlich an das Modul Kwant angebracht zur Verbesserung der Stromversorgung.

Forschungsmodul Priroda

Das letzte Modul der Mir startete am 23. April 1996 die Reise in den Orbit. Es wurde am Basisblock, gegenüber von Kristall, angedockt. Mit einem Gewicht von 19 Tonnen und einer Länge von zwölf Metern, komplettierte das Forschungsmodul die Raumstation MIR.

Genutzt wurde Priroda für die Forschung der Mikrogravitation sowie für Fernerkundungen. Auch dieses Modul verfügte wieder über eine große Ausstattung. Dazu gehörten unter anderem:

  • Kontrollposten
  • Erdorientierungsgerät
  • Sonnenorientierungsgerät
  • Energieversorgungssystem
  • Öltank

Die MIR erstrahlte erstmals in voller Pracht nach der Montage des Forschungsmoduls. Insgesamt wog die Raumstation nach Komplettierung 135 Tonnen, verfügte über eine Spannweite von 31 Metern und war 33 Meter lang.

Die MIR war nun vollständig einsatzbereit.

Technische Komplikationen und Lebenszeit

Insgesamt betraten 96 Kosmonauten die MIR. Der russische Kosmonaut Walerei Polijakow stellte 1995 einen neuen Rekord auf der MIR auf. Nach 438 Tagen an Bord war klar: Er verweilte als erster Mensch so lange im Weltraum. Ab diesem Zeitpunkt waren es noch 241 Tage, die Walerei Polijakow an Bord der MIR verbrachte, bevor er endgültig zur Erde zurückkehrte.

Die MIR wurde zunächst unter sowjetischer und russischer Führung erbaut und genutzt. Nach der Zerschlagung der Sowjetunion wurde die MIR vor allem von US-Amerikanern und den Russen gemeinsam für Forschungszwecke genutzt. 1995 startete der erste Amerikaner von Baikonur aus seinen Weg zur Raumstation. Nachfolgend starteten elf Shuttle-Mir-Missionen.

Spannend: In Zeiten der Shuttle-Mir-Missionen fand die erste Kunstausstellung in der Erdumlaufbahn statt. Sie hieß ,,Ars ad astra’’. Der deutsche Kosmonaut Thomas Reiter durfte dieses Spektakel live und in Farbe miterleben.

In den letzten Jahren der Ära der MIR gab es nicht nur Erfolgserlebnisse. Es kam auch immer mehr zu technischen Komplikationen.

Am 24. Februar 1997 ging dem deutschen Kosmonauten Reinhold Ewald buchstäblich die Luft aus.

Eine entzündete Sauerstoffkerze führte zu giftigem Rauch, der jedoch innerhalb eines Tages vollständig beseitigt werden konnten. Doch schon zwei Wochen später kam es zu einem schwerwiegenderen Fehler. Die primäre Sauerstoffversorgung fiel aus. Gleichzeitig gab es einen Defekt im Lagekontrollsystem, wodurch die begonnenen Manöver nur noch manuell gestartet werden konnten.

Der Funkkontakt zur Erde bestand nur noch zehn Minuten am Stück pro Erdumlauf.

Weitere technische Probleme ereigneten sich in der Zwischenzeit. Die USA stellten in diesem Zuge die Sicherheit auf der MIR infrage.  Über 1600 Defekte ereigneten sich an Bord der MIR. Das und der Aufbau der ISS im Jahr 1998 ebnete das Ende der MIR.

Der spektakuläre Untergang der Raumstation MIR

Nach weiteren, gescheiterten Rettungsaktionen der Raumstation, leitete Moskau am 23. März 2001 das Ende der MIR ein. Ein geplanter, kontrollierter Absturz wurde durchgeführt. Das Ende der MIR war so außergewöhnlich wie ihre gesamte Geschichte.

Ein Teil der MIR verglühte bereits in der Atmosphäre. Die restlichen Bestandteile trafen flammend auf den Südpazifik östlich von Neuseeland. Das Ereignis glich einem Schauspiel. Der Aufprall auf dem Meer glich einem Trümmerhagel und sorgte für weltweite Schlagzeilen. Der Untergang der MIR am Meeresboden wird melancholisch als Seebestattung bezeichnet.

Nach 86.300 Erdumrundungen hat die MIR ihrem Namen alle Ehre gemacht. MIR bedeutet Frieden und so fand die Raumstation auch ihren letzten Frieden auf der Erde. Mit neuen Forschungserkenntnissen, Rekorden und einer Revolution der Raumfahrtbranche hinterlässt die MIR ein Erbe, dass die Raumstation unvergesslich macht.  

Hier geht es zu Teil 1 der Reihe: Raumstationen (1): Die Saljut 7

Hier geht es zu Teil 3 der Reihe: Raumstationen (3): Die ISS

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Juni 14, 2020 / 1 Comment / von / in

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