Tempo, Tempo Bayern in den 1920ern

Tempo, Tempo Bayern in den 1920ern
Victoria Motorrad, Quelle: Museum Industriekultur
Ausstellungsbereich Stadt-Land, Quelle: Museum Industriekultur

Vom 25. März bis 10. Oktober 2021 präsentiert das Museum Industriekultur die vom Haus der Bayerischen Geschichte konzipierte Sonderausstellung „Tempo, Tempo. Bayern in den 1920ern“. Aufgrund des Corona-Lockdowns konnte sie im Herbst 2020 nur kurze Zeit im Museum des Hauses der Bayerischen Geschichte in Regensburg gezeigt werden – nun macht sie in Nürnberg Station. Im Zentrum stehen die tiefgreifenden Veränderungen, die sich trotz allem konservativen Beharrens auch im Bayern der 1920er Jahre bemerkbar machten: Tradition versus Moderne, Auf- und Umbruchstimmung, politische Extreme und letztlich das Scheitern der Demokratie.

„Schneller, schneller – heult es durch die Straßen, schrillt es durch die Fernsprecher, knattern die Schreibmaschinen, schneller, schneller jazzt und trommelt es durch die Nacht, stöhnen es die morgendlich überfüllten Straßenbahnen. 100 % Leistungssteigerung, Rekorde, laufendes Band – das sind die Zeichen unserer Zeit.“

Dieser Reklametext für eine populäre Faltencreme bringt es 1929 auf den Punkt: Die 1920er sind ein Jahrzehnt der rasenden Geschwindigkeit. In den großen Städten wie München und Nürnberg macht sich mit Motorrad, Radio, Telefon oder Staubsauger der Fortschritt schneller bemerkbar als auf dem Land. Doch auch in den Dörfern und kleineren Orten sorgt die Elektrifizierung für Veränderungen.

Temporeiche Zeiten
„Die Zeit fährt Auto, doch kein Mensch kann lenken“, heißt es in einem Gedicht Erich Kästners aus dem Jahr 1928, in dem er in knappen, klaren Sätzen eine Reihe entlarvender Schlaglichter wirft auf Rastlosigkeit und Unbeständigkeit und damit letztlich auf die Schieflage dieses Jahrzehnts. Wörtlich genommen beschreibt die Gedichtzeile ein tatsächliches Problem – das der rasch wachsenden Mobilität und des zunehmenden Kraftfahrzeugverkehrs. Wegen sprunghaft steigender Unfallzahlen auf Bayerns Straßen wird bei dem renommierten Münchner Werbegrafiker Ludwig Hohlwein ein drastisches Warnplakat in Auftrag gegeben, sogar erste Aufklärungsfilme über die tödlichen Gefahren im Straßenverkehr werden produziert.

Das Fliegen wird durch die technische Zuverlässigkeit der Flugzeuge massentauglich. 1921 wird in München der erste Flughafen für nationale und internationale Postflüge und Passagierbeförderung auf dem Oberwiesenfeld eingerichtet. Noch 1931 hat der Flughafen Nürnberg-Fürth mehr Flugbewegungen als der Münchner, zehn Landeplätze gibt es in
Bayern zu dieser Zeit. Auch ein Raketenpionier, der Südtiroler Max Valier, ist in Bayern zu Gast. Im Februar 1929 findet eine Probefahrt seines Raketenschlittens RAK BOB 1 auf dem Flugplatz Schleißheim statt. Bei einer weiteren Vorführung rast Valier mit einer Geschwindigkeit von fast 400 km/h über den zugefrorenen Starnberger See.

Neben solchen Innovationen und Rekorden sorgen alltagskulturelle Erfindungen und Weiterentwicklungen für Staunen und Begeisterung, vor allem bei den Frauen: Unter anderem Elektroherd, Staubsauger und Haartrockner modernisieren Haushalt und Privatleben. Den Zeitfressern geht es zusehends an den Kragen. Ganz ohne Elektrizität kommt die Erfindung der Nürnberger Gebrüder Rosenfelder aus, das TempoTaschentuch. Mit dem 1929 patentierten, ersten Wegwerftaschentuch schreiben die Vereinigten Papierwerke ein Stück deutsche Markengeschichte und machen mit einem Produkt Furore, das – zeitsparend und praktisch – moderner gar nicht sein konnte!

Die „Wilden Zwanziger“
Die Sonderausstellung nimmt neben bedeutenden historischen Protagonisten und zeittypischen Ereignissen eben jene Facetten unter die Lupe, die rückblickend mit den „Wilden Zwanzigern“ verbunden werden:
Freizügigkeit, Lebenshunger und Weltoffenheit bei den einen, Beschämung über den verlorenen Krieg, Unzufriedenheit und Resignation bei den anderen. Die Folgen des Ersten Weltkriegs, die Hyperinflation und die Extremisten von links und rechts belasten Demokratie und Republik in den 1920ern durchgehend. Und dennoch: Wirtschaftlicher Aufschwung ermöglicht bescheidenen Wohlstand, eine kurze kulturelle Blüte und beschleunigte Mobilität.

Mit vielen spannenden Originalexponaten und Medieninstallationen beleuchtet die Ausstellung ein von fundamentalen Auf- und Umbrüchen geprägtes Jahrzehnt: Neben historischen Plakaten und Gemälden sind technische Errungenschaften wie frühe elektrische Haushaltsgeräte, eine mobile Benzinzapfstation oder ein Victoria-Motorrad aus dem Jahr 1920 zu sehen. Eine Videoinstallation zeigt historische Filmaufnahmen unter anderem von einer wild tanzenden Josephine Baker, während ein originales Charleston-Kleid die typische Mode der 1920er vor Augen führt.

Katalog
Das Haus der Bayerischen Geschichte hat zur Ausstellung einen 105- seitigen Katalog veröffentlicht, der zum Preis von 5 Euro an der Kasse des Museums Industriekultur erworben werden kann.

BEGLEITPROGRAMM
Ein umfassendes Begleitprogramm mit Schulklassen- und Erwachsenenführungen des Kunst- und kulturpädagogischen Zentrums der Museen in Nürnberg, einem Familientag, mehreren Gastvorträgen sowie Kuratorenführungen ist in Planung. Die tatsächliche Umsetzung der Angebote hängt von der weiteren Entwicklung der Corona-Pandemie und
den Hygienevorgaben ab.

Aktuelle Infos zum Begleitprogramm, die Termine sowie etwaige Änderungen sind online abrufbar unter: museum-industriekultur.de

Wartesaal – Das Schauspiel zur Ausstellung
Begleitfilm zur Ausstellung von Christoph Süß Vorführung immer zur vollen Stunde im Museumskino (Dauer ca. 30 Minuten) Im Film „Wartesaal – Das Schauspiel zur Ausstellung“ hinterfragt Kabarettist und Schauspieler Christoph Süß das politische und gesellschaftliche Geschehen der 1920er Jahre. Auf schmucklosen Sitzbänken oder im vornehmen Salon trifft er auf unterschiedlichste Personen und Sichtweisen der Zeit. Mit dabei sind Luise Kinseher als Hitler Gegnerin, Helmut Schleich als konservativer Beamter, Max Uthoff als Vertreter der feinen Gesellschaft sowie Christian Springer als Freund und Verfechter von Ruhe und Ordnung.

Weitere Informationen unter: https://museen.nuernberg.de/museum-industriekultur/kalender-details/bayern-1920er-jahre-2011/

Juni 18, 2021 / von / in ,

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